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Josef Tomiska (Jg. 1947) ist Professor für Physikalische Chemie an der Universi­tät Wien. Er studierte Physik und Mathematik, ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Er bemüht sich, die moderne Naturwissenschaft „alltagstauglich“ zu machen, um ihre Einbin­dung in das allgemeine Kulturleben zu ermöglichen. Bereits erschienen: „Die Werkstatt der Natur - Eine moderne Einführung in die Quantentheorie“, „Das kosmische Spiel - Die verständliche Welt der Relativitätstheorie“ und „Physik, Gott und die Materie“. Er ist auch beliebter Vortragender bei „University Meets Public“ und der „Kinderuniversität“.

 

Österreich braucht auch Weltklassedenker...

Univ.-Prof. Dr. Josef Tomiska

 

 

...und nicht nur erfolgreiche Sportler und Künstler. Jeder Staat, ja jede menschliche Gemeinschaft, lebt von Arbeitsteilung und ist gut beraten, jedes ihrer Mitglieder als völlig gleichwertig anzusehen - wohlgemerkt: gleichwertig aber nicht gleich. Ein Schuster ist kein besserer Mensch als ein Arzt, Schneider oder Ingenieur, aber auch kein schlechterer! Wir Menschen sollen alle gleich in unserer Menschenwürde akzeptiert werden, unabhängig von unserem Beruf, Geschlecht oder Herkunft. Das zu vermitteln ist aber keine zentrale Aufgabe der Schule, sondern von unserer gesamten Gesellschaft.

Wir Menschen können durch keine wie immer gearteten Maßnahmen völlige Chancen­gleichheit für unseren Lebensverlauf erhalten, denn wir sind allesamt verschieden, kein einziger gleicht - glücklicherweise - dem andern völlig, denn da sind nämlich unsere Erbanlagen dagegen, und die haben diktatorische Gewalt über uns: Sie bestimmen unsere Statur, den ererbten Teil unserer Intelligenz, unsere sonstigen Begabungen  sowie zumindest bis zu den modern geworde­nen Arztbesuchen unser Aussehen,... Noch werden Frauen mehrheitlich noch von Männern be­gehrt und umgekehrt. Schöne Frauen haben bessere Chancen bei vielen Männern als optisch weniger attraktive. Menschen mit besonders guter Singstimme dürfen in der Oper auftreten, jene, die unmusikalisch sind (wie der Autor), dagegen nicht einmal im Klassenchor.

Warum wird im Sport all das erlaubt - ja sogar gefordert und gefördert-, was Schulen verboten werden soll? Mir ist bis dato kein einziger sozial Engagierter bekannt, der sich im Sport dafür stark macht, was für unsere Schulen immer vehementer gefordert wird: Alle unsere Kinder sollten doch auch in einheitliche Fußball- und Schimannschaften gesteckt werden! Es kümmerte bis heute niemanden, ob sich solche Schüler wie der Autor sozial ausgegrenzt gefühlt hatten, weil sie beim Fußball nicht in der ersten Klassenmannschaft spielen durften.

Bessere Nachwuchssportler werden bevorzugt, sie werden speziell gefördert, aber unsere besseren Nachwuchsdenker sollen in Einheitsschulen gesteckt werden. Das ist asozial und maßlos unfair! In einer demokratischen Republik - wie es Österreich behauptet, zu sein - werden wir auch niemals den sonstigen Einfluss der Eltern auf ihre Kinder gleichschalten können. Jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen über ein erfülltes Leben. Es wird immer Eltern geben, die ihren Kindern eine Fußballerkarriere nahe legen, andere Eltern werden das Schusterhandwerk als erstrebenswert vermitteln und vereinzelt sogar die Beschäftigung mit Technik und Naturwissen­schaft.

Das kann durch keine schulpolitischen Maßnahmen verhindert werden! Leider aber schon, dass sich unsere Denkertalente ebenso entwickeln können, wie wir das im Sport fordern! Genauso wie wir keine Weltklasseturner bekommen, wenn wir erst bei 15-jährigen anfangen, genauso werden wir keine Weltklasseingenieure und -wissenschaftler bekommen, wenn wir sie nicht früh schon trainieren lassen. In Einheitsschulen werden sie geistig faul, weil nie richtig gefordert.

Wir brauchen ein differenziertes Schulsystem, das auch unseren geistig Begabteren ermöglicht, Weltklasse zu werden. So, wie auch begabte Sportler lernen müssen, sich im Training zu quälen, so müssen dies auch unsere Nachwuchsdenker erlernen. Dafür ist es allerdings unumgänglich notwendig, dass sie echt gefordert werden. Ansonsten werden sie nie lernen, sich geistig zu quälen, das sie ja ohnehin immer zu den Besten ihrer Klassen, Kurse oder wie immer das „reformschulisch“ genannt werden wird, gehören.

Es wird auch immer Eltern geben, die sich lieber mit sich selbst beschäftigen als mit ihren Kindern, aber auch solche, denen es Herzensangelegenheit ist, ihre Kinder möglichst gut zu unterstützen. Es wird immer unterschiedliche Wohnqualitäten geben, unterschiedlich viel Geld für Kleidung, Spielsachen, Urlaub, usw. All das prägt unsere Heranwachsenden ebenso wie das sonstige soziale und geistige Umfeld, insbesondere die Weltanschauungen der Menschen, mit denen sie häufiger zu tun haben. Atheisten haben einmal andere Wertevorstellungen als Christen, diese wiederum andere als Buddhisten, diese wiederum... Anhänger der Partei „A“ erzählen unseren Kindern anderes als die der Partei „B“.

Es wird also in keiner Gesellschaft völlige Chancengleichheit geben können. Wer  dies leugnet, verführt Menschen in ebenso gefährliche Utopien wie jene, die uns zu suggerieren versuchen, dass wir nur Rechte aber keine Pflichten haben. Die allererste Pflicht von uns Menschen ist, für unser biologisches Leben zu sorgen - also für Nahrung und Schutz.

Warum also werden nur all jene, die in sportlichen Tätigkeiten begabter als andere sind, frühzeitig in „Elitegruppen“ aufgenommen, die anderen verwehrt bleiben, nicht aber bessere Nachwuchsdenker? Und es sage mir ja keiner, dass mit Sport nicht auch gesellschaftliches Prestige verbunden ist: Wie oft kommen Toni Polster und viele andere Fußballer im TV vor, werden zu Talkrunden und anderen TV-Veranstaltungen eingeladen, verdienen ein Vielfaches vom Gehalt eines Universitätsprofessors. Von wegen Geld: Schon etwas bessere Autoverkäufer lächeln milde, wenn sie von unserem Salär erfahren.

Ja, es stimmt: Während der Monarchie waren Akademiker „satisfaktionsfähig“. Der Doktor­titel öffnete gesellschaftliche Schranken, die anderen „Bürgerlichen“ verschlossen blieben. Sollte das noch immer nachwirken? Dann ein billig zu realisierender Vorschlag: wir könnten doch bei der Eintragung eines jeden Geburtsfalles zu den Vornamen auch gleich den Doktortitel dazu schreiben. Dann hätten wir eine 100%-ige Akademikerquote und wir alle  wären gesellschaftlich gleich gestellt - außer den Sportlern und Künstlern und TV-Menschen, die dann immer noch deutliche Vorteile ihr eigen nennen könnten.

Im Sport weiß man spätestens nach zehn bis fünfzehn Jahren, ob eine Ausbildungstechnik die erhofften und erwünschten Erfolge gezeitigt hat oder ein Flop war. Bei der Heranbildung von exzellenten Ingenieuren, Betriebswirten, Forschern,... können wir aber erst nach dreißig und mehr  Jahren sehen, ob wir erfolgreich waren oder nicht. Die hohe Zahl an österreichischen Nobelpreisträgern, die vielen Österreicher in den Spitzenetagen besonders von deutschen Firmen, waren nicht das Produkt von „Gugging-ähnlichen-Eliteträumen“ sondern das Ergebnis eines Schulsystems, das heute verteufelt wird.  Österreich hatte eines der besten Schulsysteme der Welt. Seit den Siebzigerjahren des 20.Jh. wurde es jedoch immer stärker in jene Richtung reformiert, das uns unsere PISA-Trophäen gebracht hat.

Wenn es in unserer Gesellschaft Gruppierungen gibt, die überproportional in eine Richtung tendieren, in der gute Schulausbildung wenig Bedeutung hat, dann ist die Gesellschaft gefordert, hier Aufklärungsarbeit zu unternehmen. Es darf aber nicht die Schule so umgemodelt werden, dass unsere geistigen Begabungen verkümmern - diese sind auch Bürger und haben das Recht auf Förderung.

Wenn Eltern bestimmter Gruppierungen deutlich weniger Wert auf gute Ausbildung ihrer Kinder legen, dann müssen wir auf die Eltern einwirken, aber nicht deren Kinder in Klassen stecken, wo sie sich unwohl fühlen. Eine Schule kann nur Kinder ausbilden - und nicht deren Eltern! Auf diese muss die Gesellschaft einwirken. Eine Schule darf auf gar keinen Fall einen psychischen Keil zwischen Kinder und deren Eltern zu treiben versuchen!

Die sozialen Probleme haben anders gelöst zu werden! Der Großvater des Autors war ein armer Flickschuster, dessen Familie oft tatsächlich hungerte. Dennoch schaute er darauf, dass seine drei Kinder in die Mittelschule (damaliger Name für die AHS) gingen. Der Autor selbst musste als Kind jahrelang übertragene Mäntel tragen und konnte von Schi- und anderen Urlaubsreisen nur träumen, weil kein Geld dafür da war. Aber er maturierte ebenso wie seine beiden Schwestern - und studierte dann ziemlich rasch und erfolgreich. Es kommt auf die Einstellung der Eltern, auf die Wertigkeiten innerhalb der Familie an, in welche Richtung sie ihre Kinder erziehen.

Eine gemeinsame Schule kann es nur für ähnlich Begabte geben. Selbstverständlich sind Schulreformen notwendig - und sogar sehr massive. Es muss von unserem Staat klargestellt werden, dass die Schule niemals Elternersatz sein kann und darf. Die Schule hat das Elternhaus nur zu ergänzen - und zwar in der Vermittlung praktischer Fähigkeiten, wie Lesen, Schreiben, Rechnen, den Umgang mit technischen Gerätschaften und chemischen Substanzen der Alltagswelt,... Und das Ganze möglichst effizient.

Unterrichtet gehören auch die Grundzüge unseres Staatswesens, insbesondere die Leitgedanken unserer Verfassung sowie der Rechte und Pflichten von uns Staatsbürgern. Unsere Schulen haben uns auch ein tatsächlich modernes Weltbild zu lehren und auch die großen Denkrichtungen insbesondere des europäischen Kulturkreises. Dazu gehört selbstverständlich eine konfessionsfreie Einführung in die großen Religionen, in den dialektischen Materialismus,... und deren ethischen Konzepte.

Von einer Modernisierung der Lehrinhalte ist während der gesamten Schuldebatten leider nur wenig zu hören. Schulen sollen Interesse erwecken und Wissen vermitteln. Aber auch Leistungswillen entwickeln und die Fähigkeit vermitteln, auch unter widrigen Umständen das Erlernte abzurufen. Es genügt für die Bekämpfung eines Brandes nicht, wenn sich die Feuerwehrleute zunächst ins Kaffeehaus setzen, um stressfrei zu überlegen, wie sie am besten löschen könnten...

Jedes Jahr, das bessere Begabungen in irgendwelchen „Kursen“ einer Einheitsschule vertrödeln, ist nicht nur für diese ein verlorenes Jahr in Hinblick auf ihre Lebensarbeit, sondern es ist auch teuer für unsere Staatsgemeinschaft. Eine Einheitsschule - wie immer sie auch genannt wird - ist das asozialste und teuerste System, das es gibt. Es benachteiligt unsere Nachwuchs­denker, denn es nivelliert notwendigerweise nach unten. Es bringt kaum soziale Integration, sondern hat ganz massiv gegenteilige Effekte, denn es produziert sehr rasch ein Zweiklassen­system der Ausbildung, wie wir es aus Frankreich, GB, den USA,... her schon kennen: Wer immer es sich leisten kann, wird seine Kinder in private Eliteschulen schicken, damit sie mit der dort erhaltenen Ausbildung bessere Zukunftschancen erhalten.

Die Einheitsschule schadet den finanziell schlechter gestellten Kindern! Diese können wir nur durch Stipendien fördern, die aber an Leistung gekoppelt sein müssen. Ja, auch Leistung gehört zum Leben! Integrationsunwillige Gruppierungen können wir niemals durch Schulreformen einbeziehen. Hier sind völlig andere Maßnahmen erforderlich, die anderweitig zu diskutieren sind. Unsere Schulen hingegen müssen so umgestaltet werden, dass wir wieder einen zweiten Ferry Porsche, Eugen Sänger, Erwin Schrödinger, Karl Landsteiner,... hervorzubringen imstande sein werden.

 
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